{"id":15222,"date":"2023-01-30T19:05:00","date_gmt":"2023-01-30T19:05:00","guid":{"rendered":"http:\/\/875jahrekirchgoens.de\/?p=15222"},"modified":"2024-03-25T19:09:11","modified_gmt":"2024-03-25T19:09:11","slug":"ayers-kaserne-bei-langgoens-schmutziges-erbe-unter-der-erde","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/875jahrekirchgoens.de\/?p=15222","title":{"rendered":"Ayers-Kaserne bei Langg\u00f6ns: Schmutziges Erbe unter der Erde"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Ayers-Kaserne beherbergte einst Tausende von US-Soldaten. Sie entsorgten ihre Abf\u00e4lle in einem fr\u00fcheren Steinbruch. Das gef\u00e4hrdet das Grundwasser.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ayers-Kaserne zwischen Langg\u00f6ns (<a href=\"https:\/\/www.giessener-allgemeine.de\/kreis-giessen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Kreis Gie\u00dfen<\/a>) und Butzbach (Wetteraukreis) <a href=\"https:\/\/www.giessener-allgemeine.de\/kreis-giessen\/vom-flugplatz-zum-logistikzentrum-91579221.html\">war einst Heimat tausender US-Soldaten<\/a>. Ihren M\u00fcll, darunter auch viele alte Autos, entsorgten sie in einem fr\u00fcheren Steinbruch. Vor rund 50 Jahren mit Erde abgedeckt r\u00fcckt das \u00bbAmi-Loch\u00ab wieder in die Aufmerksamkeit: Mit zwei Messpunkten soll rechtzeitig festgestellt werden, ob von dort Giftstoffe in das Niederkleener Grundwasser eindringen. Zwischen kargen Schneeresten ragen B\u00fcsche wie Besenreiser in den kalten Januarhimmel, an dessen Horizont \u00fcber Niederkleen Heizungsdunst in den Himmel steigt. Leere Flaschen, Dosen, Taschent\u00fccher liegen umher. Dieser M\u00fcll ist zwar \u00e4rgerlich, aber nicht das Problem. Sorgen bereitet viel mehr, was hier im Untergrund liegt. \u00bbAmi-Loch\u00ab wird die Ecke im Volksmund genannt \u2013 und das mit gutem Grund. An der Landesstra\u00dfe zwischen Niederkleen und Pohl-G\u00f6ns lagen einst drei Steinbr\u00fcche. Wie fr\u00fcher \u00fcblich wurden diese, als sich der Abbau nicht mehr rentierte, als M\u00fcllhalden verwendet. Bis vor hundert Jahren wuchsen solche M\u00fcllberge nur sehr langsam. Die Menschen auf den D\u00f6rfern versorgten sich gro\u00dfteils selbst, und die Verpackungen eingekaufter Waren waren entweder aus Papier oder wiederverwertbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Zweiten Weltkrieg \u00e4nderte sich dies jedoch. Im Handel gab es immer mehr Einwegverpackungen, die schnell zu einem Anwachsen der M\u00fcllmengen f\u00fchrten. Beim \u00bbAmi-Loch\u00ab geschah dies forciert \u2013 denn es war die Deponie der Erfinder des \u00bbAmerican way of life\u00ab. US-Soldaten hatten das ehemals deutsche Flugplatzareal in ihren Truppenst\u00fctzpunkt verwandelt. Und dort fiel jede Menge M\u00fcll an. Die Ayers-Kaserne bei Langg\u00f6ns (Kreis Gie\u00dfen): M\u00fcll stellt aus heutiger Sicht ein gro\u00dfes Problem dar. Denn egal ob Cola oder Cornflakes, Kaugummi oder Marshmallows \u2013 tonnenweise wurden Lebensmittel in die Kaserne importiert. Einiges befand sich in Pappkartons, vieles aber auch in Dosen. Waren diese leer oder abgelaufen, landeten sie auf der Deponie.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Hungrige und auch f\u00fcr Kinder war dies ein Eldorado. So wie viele andere trieb es auch Werner Reusch als Kind immer wieder auf die Deponie. Eigentlich waren die Bauersleute und Erntehelfer auf nahen \u00c4ckern besch\u00e4ftigt. \u00bbAber f\u00fcr uns war das Ami-Loch wesentlich interessanter als das Kartoffeln-Ausmachen\u00ab, erinnert er sich. Also wurde zur M\u00fcllhalde geschlichen. Viel Essen und auch mal ein original verpackter Kaugummi oder Schokolade lagen dort herum. Und manchmal sogar ein Playboy-Heft. Reusch sind vor allen Dingen die riesigen Ratten in Erinnerung geblieben. \u00bbSo gro\u00df wie Kaninchen\u00ab, erz\u00e4hlt er. Da es auf der M\u00fcllhalde st\u00e4ndig brannte, kam es immer wieder mal vor, dass eine Spraydose explodierte. \u00bbDann flohen pl\u00f6tzlich hunderte Ratten von der einen M\u00fclldeponie \u00fcber die Landesstra\u00dfe in die n\u00e4chste Deponie.\u00ab Bei der Schatzsuche mussten sich die Kinder und Jugendlichen auch vor denen in Acht nehmen, die sich durch die Lebensmittelsuche auf der M\u00fcllhalde ern\u00e4hrten oder sich mit dem Recycling von alten Dosen ein kleines zus\u00e4tzliches Einkommen verdienten. Die US-Soldaten duldeten dies, da f\u00fcr sie der M\u00fcll wertlos war. Zu dem wertlosen M\u00fcll z\u00e4hlten allerdings auch Gegenst\u00e4nde, die aus heutiger Sicht ein gro\u00dfes Problem darstellen. Denn neben Lebensmittelresten wurden s\u00e4mtliche Abf\u00e4lle der Kaserne dort entsorgt. Nach einigen Jahren stapelten sich die Wracks ausgedienter Stra\u00dfenkreuzer. Zun\u00e4chst hatten die US-Soldaten alte Autos, wenn sie nicht mehr funktionierten, einfach auf Waldwegen abgestellt, die Nummernschilder abgeschraubt und ihrem Schicksal hinterlassen. Eine Autoverwertung gab es damals in der Provinz noch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Zeit landeten aber immer mehr Wagen im \u00bbAmi-Loch\u00ab. Augenzeugen k\u00f6nnen sich noch daran erinnern, wie dort das \u00d6l abgelassen und die Autos einfach abgefackelt wurden. Auch Kabel wurden dort unter freiem Himmel verbrannt, um an das Kupfer heranzukommen. Tag und Nacht stieg schwarzer Rauch \u00fcber dem Berg auf. In der \u00bbButzbacher Zeitung\u00ab schrieb damals deren Verleger Wilfred Gratzfeld \u00fcber einen Besuch auf der Deponie: \u00bbDie vor Hitze flimmernde Luft ist angef\u00fcllt mit bei\u00dfendem Geruch brennender Kabel und erhitzter Metalle. Was da aufeinanderget\u00fcrmt und teilweise v\u00f6llig deformiert als schwarzes Gebilde auftaucht, verr\u00e4t nichts mehr von einstigen 120 PS, automatischem Getriebe oder elektrisch bet\u00e4tigten Fenstern. Ausgeschlachtet bis auf das Chassis, ohne Motor und Achsen, liegen hier Stra\u00dfenkreuzer gleichberechtigt neben alten Rettungswagen und Jeeps, die vielleicht schon in Korea waren.\u00ab Nacheinander wurden die M\u00fclldeponien mit Erde abgedeckt. Werner Reusch erlebte das bei der ersten mit, da sein Vater als selbstst\u00e4ndiger Spediteur mit seinem Laster dort sehr oft Erde abkippte. Vor rund einem halben Jahrhundert war das \u00bbAmi-Loch\u00ab schlie\u00dflich Geschichte. Zwar mag mittlerweile Gras und auch Geb\u00fcsch \u00fcber die Sache gewachsen sein. Doch das \u00e4ndert nichts an dem Inhalt des M\u00fcllberges. Das f\u00fcr die Altdeponie zust\u00e4ndige Regierungspr\u00e4sidium (RP) Gie\u00dfen berichtet, dass \u00bbdie Einlagerung von Bitumen-, Asphalt- und Brikettabf\u00e4llen, sowie von Bauschutt (nicht Baustellenabf\u00e4llen) und Hausm\u00fcll bekannt\u00ab sei. Die Einlagerung weiterer gef\u00e4hrlicher Abf\u00e4lle sei nicht aktenkundig. Aus heutiger Sicht w\u00e4re eine Deponie ohne Basisabdichtung \u2013 und das sind die drei bei Niederkleen \u2013 nicht mehr zul\u00e4ssig. Zu gro\u00df w\u00e4re die Gefahr, dass das Grundwasser verunreinigt werden k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Bislang scheint das \u00bbAmi-Loch\u00ab dichtzuhalten. \u00bbEine letzte Grundwasseruntersuchung fand im Jahr 2004 statt, bei der keine akute Gef\u00e4hrdung vorlag\u00ab, teilt RP-Pressesprecher Thorsten Haas auf Anfrage mit. \u00bbDie Grenzwerte der Trinkwasserverordnung wurden dabei nach meiner Kenntnis nicht \u00fcberschritten, sodass hiervon keine Gef\u00e4hrdung f\u00fcr das Grundwasser anzunehmen ist.\u00ab Auch der Austritt von Deponiegas konnte bei Untersuchungen vor gut 20 Jahren nicht festgestellt werden. Eine Notwendigkeit weiterer Untersuchungen des abgelagerten Materials werde derzeit nicht gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bergab der Deponien befindet sich der Niederkleener Grundwasserbrunnen. \u00bbDer wird regelm\u00e4\u00dfig durch das Gesundheitsamt auf Altlasten-relevante Parameter untersucht\u00ab, sagt Haas. \u00bbEine Grenzwert\u00fcberschreitung gem\u00e4\u00df der Trinkwasserverordnung wurde bisher nicht festgestellt.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Jedoch soll die Kontrolldichte nun deutlich erh\u00f6ht werden. Die Gemeinde Langg\u00f6ns l\u00e4sst f\u00fcr 250.000 Euro zwei Grundwassermessstellen bauen. Durch ihre Lage bilden sie zum \u00bbAmi-Loch\u00ab ein Dreieck und sollen so fr\u00fchzeitig anzeigen, wenn es zu Ausschwemmungen grundwassergef\u00e4hrdender Stoffe kommen w\u00fcrde. Zudem will man mit ihnen auch feststellen, ob die Deponie wirklich im Einzugsbereich des Brunnens liegt oder auch langfristig zumindest f\u00fcr die Niederkleener Wasserversorgung keine Gefahr birgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die M\u00fclldeponie aufzugraben und das Material anderweitig zu entsorgen ist derzeit nicht geplant, da aus sicherheitstechnischen Gr\u00fcnden keine Notwendigkeit gesehen werde, teilt das RP mit. Vielleicht kommt irgendwann der Moment, wo just solche alten M\u00fcllberge als Rohstoffquelle dienen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>1934 wurde der Flugplatz auf dem rund 1000 Hektar gro\u00dfen Areal zwischen Niederkleen, Kirch-G\u00f6ns und Lang-G\u00f6ns gebaut. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Areal zur Ayers-Kaserne der US-Soldaten. In Spitzenzeiten waren 6500 dort stationiert. 1997 endete die Kasernengeschichte. Mittlerweile liegt dort ein interkommunales Gewerbegebiet.<\/p>\n\n\n\n<p>Quelle: Wetterauer Zeitung 30.01.2023<\/p>\n\n\n\n<p>Quelle: Wetterauer Zeitung vom 30. Januar 2023<\/p>\n\n\n\n<p>Quelle: Wetterauer Zeitung vom 30. Januar 2023<\/p>\n\n\n\n<p>1934 wurde der Flugplatz auf dem rund 1000 Hektar gro\u00dfen Areal zwischen Niederkleen, Kirch-G\u00f6ns und Lang-G\u00f6ns gebaut. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Areal zur Ayers-Kaserne der US-Soldaten. In Spitzenzeiten waren 6500 dort stationiert. 1997 endete die Kasernengeschichte. Mittlerweile liegt dort ein interkommunales Gewerbegebiet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Ayers-Kaserne beherbergte einst Tausende von US-Soldaten. Sie entsorgten ihre Abf\u00e4lle in einem fr\u00fcheren Steinbruch. Das gef\u00e4hrdet das Grundwasser. Die Ayers-Kaserne zwischen Langg\u00f6ns (Kreis Gie\u00dfen) und Butzbach (Wetteraukreis) war einst Heimat tausender US-Soldaten. Ihren M\u00fcll, darunter auch viele alte Autos, entsorgten sie in einem fr\u00fcheren Steinbruch. 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